Fremdkörper im Vertrag: Bestimmungen finden, die nicht passen

Ein unterschätzter Prompt: Copilot Regelungen markieren lassen, die thematisch nicht zum Vertrag gehören oder in sich widersprüchlich sind.

Verträge entstehen selten aus einem Guss. Sie werden aus Vorlagen zusammengesetzt, von mehreren Personen über mehrere Verhandlungsrunden bearbeitet, mit Klauseln aus früheren, ähnlichen Verträgen ergänzt. Dieser Entstehungsprozess hinterlässt Spuren: Bestimmungen, die aus einem anderen Vertragstyp stammen und nicht sauber angepasst wurden, oder Klauseln, die sich gegenseitig widersprechen, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingefügt wurden. Diese Fremdkörper zu finden, gehört zu den mühsamsten Teilen einer sorgfältigen Vertragsprüfung.
Warum Fremdkörper so schwer zu finden sind
Ein Mensch, der einen Vertrag linear von vorne nach hinten liest, behält selten den vollständigen Überblick über alle vorherigen Klauseln im Kopf, wenn er bei Klausel zwanzig ankommt. Widersprüche zwischen weit auseinanderliegenden Bestimmungen fallen deshalb oft erst auf, wenn es zu spät ist, etwa wenn sich zwei Parteien im Streitfall auf unterschiedliche, beide scheinbar einschlägige Klauseln berufen.
Copilot hat hier einen strukturellen Vorteil: Es kann den gesamten Vertragstext gleichzeitig im Blick behalten und ist nicht dem linearen Lesefluss unterworfen, der beim Menschen zu diesen blinden Flecken führt. Dieser Vorteil lässt sich gezielt nutzen, wenn man den Auftrag entsprechend präzise formuliert.
Der gezielte Auftrag
Schlechter Prompt: Ist dieser Vertrag in Ordnung? |
Besserer Prompt: Finde Bestimmungen in diesem Vertrag, die thematisch nicht zum übrigen Inhalt passen oder Fremdkörper darstellen. Zeige mir zudem widersprüchliche oder unklare Regelungen. Begründe jeweils kurz, worin der Widerspruch oder die Unstimmigkeit besteht. |
Dieser Prompt lenkt die Aufmerksamkeit des Systems explizit auf strukturelle Auffälligkeiten, statt auf den inhaltlichen Gehalt einzelner Klauseln. Diese Unterscheidung ist wichtig: Eine Klausel kann inhaltlich völlig unproblematisch und dennoch ein Fremdkörper sein, weil sie an der falschen Stelle steht oder eine andere Klausel im selben Vertrag konterkariert.
Typische Fundstellen
In der Praxis zeigen sich bestimmte Muster immer wieder. Eine Kündigungsfrist, die in der Präambel anders definiert wird als im entsprechenden Abschnitt weiter hinten. Eine Vertraulichkeitsklausel, die für einen anderen Vertragstyp formuliert wurde und Begriffe verwendet, die im aktuellen Vertrag gar nicht vorkommen. Eine Gerichtsstandsklausel, die nicht zur übrigen Rechtswahl passt. Diese Muster zu kennen, hilft auch dabei, den Prompt bei Bedarf noch gezielter zu formulieren.
Wer regelmässig Verträge einer bestimmten Kategorie prüft, kann diese typischen Fundstellen in den Prompt aufnehmen, etwa mit dem Zusatz, besonders auf Fristenwidersprüche und abweichende Definitionen zu achten. Diese Anpassung an die eigene Erfahrung macht den Prompt mit der Zeit treffsicherer.
Wie man mit gefundenen Fremdkörpern umgeht
Nicht jeder gefundene Fremdkörper ist tatsächlich problematisch. Manche sind bewusste redaktionelle Entscheidungen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken, aber einen guten Grund haben. Die Aufgabe nach dem Auffinden besteht deshalb darin, jeden markierten Punkt einzeln zu bewerten, statt automatisch jede Auffälligkeit als Fehler zu behandeln. Copilot liefert die Kandidaten für diese Prüfung, die eigentliche Bewertung bleibt beim Menschen.
In der Praxis bewährt sich eine kurze Liste, in der jeder gefundene Fremdkörper mit einer Einschätzung versehen wird: unproblematisch, klärungsbedürftig, oder korrekturbedürftig. Diese einfache Kategorisierung macht die weitere Bearbeitung übersichtlich und stellt sicher, dass kein gefundener Punkt versehentlich übergangen wird.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein Kooperationsvertrag enthält in der Präambel eine Formulierung, wonach sämtliche Ergebnisse gemeinsames Eigentum beider Parteien werden. Weiter hinten im Vertrag, in einem Abschnitt, der offensichtlich aus einer anderen Vorlage übernommen wurde, findet sich eine Klausel, die dem Industriepartner ein alleiniges Verwertungsrecht an allen Ergebnissen einräumt. Dieser Widerspruch wäre bei einer linearen Lektüre leicht zu übersehen, weil zwischen den beiden Stellen zehn Seiten mit anderen, unauffälligen Regelungen liegen. Ein gezielter Copilot-Auftrag zur Suche nach Fremdkörpern deckt genau solche Konstellationen zuverlässig auf.
Nach dem Auffinden eines solchen Widerspruchs lohnt sich die Nachfrage bei der Gegenseite, welche der beiden Regelungen tatsächlich gewollt war, bevor der Vertrag unterschrieben wird. Diese Klärung im Vorfeld ist erheblich günstiger als ein späterer Streit über die Auslegung, wenn beide Parteien sich auf die für sie günstigere der beiden widersprüchlichen Klauseln berufen.
Fremdkörper als Hinweis auf den Vertragsentstehungsprozess
Häufige Fremdkörper sind auch ein Indikator für die Sorgfalt, mit der ein Vertrag erstellt wurde. Ein Vertragsentwurf mit vielen erkennbaren Fremdkörpern deutet darauf hin, dass er unter Zeitdruck oder ohne ausreichende Endredaktion aus mehreren Quellen zusammengesetzt wurde. Diese Beobachtung kann selbst schon eine relevante Information für die eigene Verhandlungsposition sein, weil sie signalisiert, dass die Gegenseite möglicherweise selbst noch keine vollständige interne Prüfung vorgenommen hat.
Wer diesen Zusammenhang erkennt, kann die Suche nach Fremdkörpern auch strategisch nutzen, indem er der Gegenseite gezielt und konstruktiv auf gefundene Widersprüche hinweist. Das schafft nicht nur Klarheit im eigenen Interesse, sondern wird von der Gegenseite häufig auch als Zeichen sorgfältiger, professioneller Vertragsarbeit wahrgenommen, was der weiteren Zusammenarbeit zugutekommen kann.
Die Grenzen der automatischen Erkennung
So leistungsfähig die Suche nach Fremdkörpern auch ist, sie stösst an Grenzen, wenn ein Widerspruch nicht im Text selbst, sondern zwischen dem Vertragstext und einer mündlichen oder in separater Korrespondenz getroffenen Abrede besteht. Copilot kann nur das bewerten, was ihm vorliegt, und wenn eine wichtige mündliche Zusage nicht schriftlich festgehalten wurde, kann auch die gründlichste automatische Prüfung des Vertragstextes diese Lücke nicht erkennen. Diese Grenze macht deutlich, dass die Methode eine Ergänzung zur, nicht ein Ersatz für die Kenntnis der gesamten Vertragsgeschichte darstellt, die bei komplexen Verhandlungen oft über den reinen Vertragstext hinausgeht.
Wer diese Grenze kennt, ergänzt die automatische Prüfung sinnvoll um eine kurze eigene Rückschau auf die Verhandlungshistorie, bevor er sich ausschliesslich auf das von Copilot gelieferte Ergebnis verlässt, insbesondere bei Verträgen mit einer langen und komplexen Verhandlungsgeschichte.
Wie sich die Ergebnisse dokumentieren lassen
Für eine nachvollziehbare Vertragsprüfung empfiehlt es sich, jeden gefundenen Fremdkörper mit einer kurzen Notiz zu versehen, warum er als solcher eingestuft wurde und wie er letztlich behandelt wurde, sei es durch Korrektur, Klärung mit der Gegenseite oder bewusste Akzeptanz. Diese Dokumentation dient nicht nur der eigenen Nachvollziehbarkeit, sondern auch als wertvolle Referenz, falls dieselbe Vertragsvorlage später erneut verwendet wird und sich zeigt, ob die damals gefundenen Probleme in der Zwischenzeit behoben wurden oder erneut auftreten.
Ein abschliessender Blick auf die Konsistenz der Vertragssprache
Neben inhaltlichen Widersprüchen lohnt sich auch ein Blick auf die sprachliche Konsistenz eines Vertrags: Werden dieselben Begriffe durchgehend gleich verwendet, oder wechselt die Terminologie im Verlauf des Dokuments, etwa zwischen Auftraggeber und Kunde für dieselbe Partei? Solche terminologischen Inkonsistenzen sind selten inhaltlich gefährlich, erschweren aber die Lesbarkeit und können im Streitfall zu unnötigen Auslegungsfragen führen. Copilot lässt sich auch gezielt auf diese Art von Fremdkörper ansetzen, indem man explizit nach uneinheitlicher Begriffsverwendung fragt, was die Qualität der Vertragsdokumentation zusätzlich verbessert.
Copilot behält den gesamten Vertrag gleichzeitig im Blick. Genau diese Fähigkeit macht es stark beim Aufspüren von Widersprüchen, die einem linearen Leser leicht entgehen. |
Die Suche nach Fremdkörpern ist eine der Aufgaben, bei denen Copilot einen echten strukturellen Vorteil gegenüber der menschlichen Lesart hat, nicht weil es klüger wäre, sondern weil es anders liest. Wer diesen Vorteil gezielt nutzt, findet Unstimmigkeiten, die bei einer klassischen Durchsicht leicht übersehen werden.
Copilot anhand konkreter juristischer Aufgaben einsetzen
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