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Chat oder Recherche-Agent: Antwort suchen versus Entscheidung vorbereiten

  • Autorenbild: David Schneeberger
    David Schneeberger
  • 8. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Früher war die Unterscheidung einfach. Heute greifen beide auf das Web zu. Der Unterschied liegt nicht mehr in der Suche, sondern in der Tiefe.

Vogelperspektive auf einen Schreibtisch mit Notebook, Notizblock und Stift

Es gab eine Zeit, da war die Sache klar. Der Chat war das schnelle Werkzeug ohne Internetzugriff. Der Recherche-Agent war das langsame Werkzeug, das im Web suchte. Diese Grenze ist verschwunden. Heute können beide auf das Web zugreifen. Wer weiterhin nach dem alten Muster wählt, wählt falsch, und merkt es oft erst, wenn das Ergebnis nicht zur investierten Zeit passt.

Die neue Trennlinie: Tiefe statt Websuche

Der Unterschied liegt nicht mehr darin, ob ein Werkzeug ins Internet schaut. Er liegt darin, wie tief es arbeitet.

Der Chat beantwortet Fragen. Er durchsucht einige Quellen und liefert eine Antwort. Schnell, direkt, brauchbar für eine konkrete Frage, die keine umfassende Abwägung verlangt.

Der Recherche-Agent führt ein Rechercheprojekt durch. Er durchsucht viele Quellen, vergleicht sie, erkennt Unterschiede und erstellt einen Bericht. Vergleichbar mit Deep Research, wie man es von anderen Systemen kennt, nur eingebettet in die eigene Arbeitsumgebung.

Die eigentliche Frage lautet nicht welches Tool

Die Frage nach dem richtigen Werkzeug ist in Wahrheit eine Frage nach dem eigenen Ziel. Und dieses Ziel lässt sich auf zwei Sätze verdichten.

  • Chat: Ich brauche eine Antwort.

  • Recherche-Agent: Ich muss eine Entscheidung vorbereiten.

Wer nur wissen will, wie eine bestimmte Regelung lautet, nimmt den Chat. Wer eine belastbare Grundlage für einen Entscheid aufbauen muss, der verschiedene Quellen gegeneinander abwägt, nimmt den Recherche-Agenten. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität des Werkzeugs, sondern im Anspruch an das Ergebnis.

Ein Beispiel aus dem Rechtsdienst

Eine Juristin soll einschätzen, ob eine bestimmte Vertragsklausel marktüblich ist. Braucht sie nur eine schnelle Orientierung, reicht der Chat. Muss sie dem Vorstand eine fundierte Empfehlung vorlegen, die verschiedene Musterverträge, Kommentare und Praxishinweise berücksichtigt, ist der Recherche-Agent das passende Werkzeug. Er verdichtet, was der Chat nur anreissen würde.

Der Aufwand ist unterschiedlich. Der Chat antwortet in Sekunden. Der Recherche-Agent braucht länger, liefert aber ein Ergebnis, das man weiterverwenden kann, ohne selbst noch einmal alle Quellen einzeln durchzugehen. Wer diesen Zeitunterschied nicht einplant, ist beim Recherche-Agenten schnell ungeduldig und bricht ab, bevor das eigentliche Ergebnis vorliegt.

Wann sich der Mehraufwand nicht lohnt

Nicht jede Frage rechtfertigt einen Rechercheauftrag. Wer nur eine Frist nachschlagen oder einen Begriff kurz einordnen will, verliert mit dem Recherche-Agenten Zeit, die er nicht zurückbekommt. Die Faustregel: Steht am Ende eine Entscheidung, die mehrere Personen mittragen müssen, lohnt sich die Tiefe. Steht am Ende nur die eigene Klarheit für den nächsten Satz, reicht der Chat.

Ein Hinweis zur Websuche im juristischen Kontext

Ein wichtiger Vorbehalt gehört dazu. Sobald eine Websuche aktiv ist, verlässt die Anfrage die geschützte Umgebung der eigenen Organisation. Für Umgebungen, die Mandantendaten oder geheimnisgeschützte Informationen bearbeiten, ist das nicht ohne Weiteres zulässig. Die Frage, welches Werkzeug tiefer recherchiert, ist deshalb nicht dieselbe wie die Frage, welches Werkzeug für vertrauliche Sachverhalte überhaupt eingesetzt werden darf. Beides muss man auseinanderhalten, und beides gehört in eine saubere Einführung.

Wie ein Rechercheauftrag im Alltag entsteht

In der Praxis beginnt ein Rechercheauftrag selten als solcher erkennbar. Er beginnt als eine Frage, die auf den ersten Blick einfach wirkt. Wie ist die Praxis anderer Kantone zu einer bestimmten Frage? Was hat die Lehre zu einer neuen Bestimmung geschrieben? Erst wenn man merkt, dass eine einzelne Antwort die Frage nicht erschöpfend beantwortet, zeigt sich, dass eigentlich ein Rechercheprojekt nötig gewesen wäre.

Wer diesen Moment früh erkennt, spart Zeit. Wer ihn übersieht, arbeitet sich mit mehreren einzelnen Chat-Anfragen mühsam zu einem Ergebnis vor, das ein einziger Rechercheauftrag von Anfang an sauberer geliefert hätte. Die Fähigkeit, diesen Wechselpunkt zu erkennen, gehört zu den Dingen, die sich in einer Schulung an echten Fällen einüben lassen und die sich aus einer reinen Funktionsbeschreibung nicht ergeben.

Was der Bericht am Ende tatsächlich leistet

Der Mehrwert eines Recherche-Agenten zeigt sich nicht nur in der Menge der durchsuchten Quellen, sondern in der Struktur des Ergebnisses. Ein guter Bericht ordnet widersprüchliche Fundstellen ein, statt sie einfach nebeneinanderzustellen. Er zeigt, wo sich die Quellen einig sind und wo nicht, und er markiert, wo die eigene Einschätzung noch fehlt. Das ist etwas anderes als eine lange Liste von Suchtreffern, die man selbst noch sortieren müsste.

Für eine juristische Fragestellung ist genau diese Einordnung entscheidend. Es reicht selten, zu wissen, dass zu einem Thema unterschiedliche Meinungen bestehen. Man muss wissen, welche Meinung auf welcher Grundlage beruht und wie belastbar sie für den eigenen Fall ist. Ein Recherche-Agent, der diese Einordnung liefert, erspart die zeitaufwendigste Arbeit einer klassischen Literaturrecherche, auch wenn die eigene fachliche Bewertung am Ende immer noch nötig bleibt.

Wie sich der Aufwand rechtfertigt

Ein Rechercheauftrag kostet Zeit, bis das Ergebnis vorliegt. Diese Zeit muss sich lohnen. Sie lohnt sich, wenn das Ergebnis mehrfach verwendet wird: als Grundlage für eine interne Stellungnahme, als Basis für eine Präsentation vor dem Vorstand, als Referenz für ähnliche Fälle in der Zukunft. Sie lohnt sich nicht, wenn das Ergebnis nur einer einzigen, flüchtigen Frage dient, die man auch anders hätte klären können.

Diese Abwägung zu treffen, bevor man den Auftrag startet, spart mehr Zeit als jede Optimierung des Prompts selbst. Wer sich angewöhnt, kurz innezuhalten und zu fragen, wofür das Ergebnis am Ende gebraucht wird, trifft die richtige Werkzeugwahl fast automatisch.

Eine kurze Anleitung für den ersten Rechercheauftrag

Wer einen Recherche-Agenten zum ersten Mal einsetzt, sollte den Auftrag so präzise formulieren wie einen Prompt an den Chat, nur mit einer zusätzlichen Vorgabe zum gewünschten Ergebnis. Es reicht nicht, ein Thema zu nennen. Man sollte festhalten, welche Art von Quellen relevant sind, welcher Zeitraum interessiert und welche Fragen der Bericht am Ende beantworten soll. Ohne diese Eingrenzung liefert der Agent zwar viele Ergebnisse, aber nicht zwingend die, die für den konkreten Fall zählen.

Ein gutes Vorgehen besteht darin, den Auftrag in zwei Sätzen zu formulieren: einen Satz zum Kontext, einen Satz zum gewünschten Ergebnis. Dieser kleine Mehraufwand bei der Formulierung zahlt sich im Bericht um ein Vielfaches aus, weil er dem Agenten hilft, irrelevante Fundstellen von vornherein auszusortieren, statt sie erst im Ergebnis anzuhäufen und die eigentliche Auswertung an die Leserin oder den Leser zu delegieren.

Der Agent ersetzt die eigene Urteilsbildung nicht

So verlockend ein umfassender Bericht auch wirkt, er bleibt eine Vorarbeit. Der Recherche-Agent kann Quellen verdichten und Widersprüche sichtbar machen. Er kann nicht beurteilen, welches Gewicht eine einzelne Quelle für den konkreten Fall der eigenen Organisation hat. Diese Einordnung bleibt Aufgabe der Juristin oder des Juristen, die den Fall kennt, die Risikobereitschaft der eigenen Organisation einschätzen kann und die am Ende für die Empfehlung geradesteht.

Wer den Bericht als fertige Antwort statt als Entscheidungsgrundlage behandelt, überträgt genau die Verantwortung, die eigentlich beim Menschen bleiben muss. Das ist keine Besonderheit des Recherche-Agenten, sondern gilt für jedes KI-Werkzeug im juristischen Kontext gleichermassen.

Antwort gesucht führt zum Chat. Fundierte Entscheidungsgrundlage gesucht führt zum Recherche-Agenten.

Die Werkzeuge werden sich weiter angleichen. Der Merksatz bleibt. Er richtet die Wahl nicht am Tool aus, sondern am eigenen Ziel. Und das ist die einzige Grundlage, auf der sich eine gute Wahl treffen lässt, unabhängig davon, wie sich die Funktionen in den kommenden Versionen weiterentwickeln.

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